Tomas Hoke: Grenzenlos – Brezmejno

Tomas Hoke spricht über CARINTHIja2020, seine prämierte Kunst-Installation anlässlich 100 Jahre Kärntner Volksabstimmung und über Brücken bauen.

„Am besten wäre es, wenn man nach 2020 keine Gedenkveranstaltungen mehr machen muss, weil im Geschichtsbewusstsein dann alles – Volksabstimmung, Volksgruppen, Zweisprachigkeit – einfach zum Land dazu gehört, wie alles andere auch.“ – Tomas Hoke

Wie grenzenlos ist Kunst? Kann sie Sprache und Grenzen überwinden? Und ist es vorstellbar, dass gerade Sprache nicht trennt, sondern vielmehr Mehrsprachigkeit dazu befähigt, die Grenzen in den Köpfen zu überwinden? Kärntner Künstler*innen arbeiten seit langem über Grenzen hinweg und bauen symbolische Brücken, denn im Alpe-Adria-Raum sind die künstlerischen Verbindungen von Kärnten in den Friaul, nach Venetien, Italien sowie Slowenien durchaus vorhanden.

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Kärntner Volksabstimmung vom 10. Oktober 1920 wurde die Kunstinitiative und Landesausstellung “CARINTHIja 2020 – Ein Land in Zeitreisen und Perspektiven” initiiert, die Kulturprojekte aus ganz Kärnten über die Sprachgrenzen hinweg verbindet. Einen besonderen Höhepunkt stellte der künstlerische Wettbewerb zu dem vorgegebenen Thema „Gemeinsam – Skupno“ dar, den Tomas Hoke mit seiner Lichtskulptur „Grenzenlos – Brezmejno“ gewann. Den zweiten Platz belegte das Künstler*innenduo Nicole Six und Paul Petritsch, Dritter wurde das Projekt von Armin Guerino. Die Lichtsäule von Tomas Hoke ist nach seiner eigenen Aussage ein künstlerisches Projekt mit politischen Hintergrund, also Kunst verbunden mit einer sehr klaren politischen Aussage. Die Skulptur wird am 10. Oktober im Regierungsgebäude der Kärntner Landesregierung in Anwesenheit des österreichischen Bundespräsidenten und des slowenischen Staatspräsidenten enthüllt – erstmals nimmt an diesem Tag auch ein slowenischer Staatspräsident an den Kärntner Feierlichkeiten zum 10. Oktober teil. Corona bedingt findet der Festakt der Enthüllung jedoch in sehr kleinem Rahmen statt, jedoch danach wird die Lichtskulptur im Regierungsgebäude öffentlich zugänglich sein.

Anschließend erzählt Tomas Hoke über seine Lauflicht-Installation mit dem Titel „Schön sprechen – Govorite lepo“ auf der Annabrücke bei Grafenstein, die er im Rahmen des von Gerhard Leeb konzipierten Projektes „Brücken bauen – gradimo mostove“, verwirklicht hat. Dieses Projekt von Gerhard Leeb umfasst 12 Draubrücken und 3 Kraftwerke in Südkärnten, die  von 17 Künstler*innen mit Ausstellungen, künstlerische Interventionen und Literatur an den Brücken und Staumauern an der Drau bespielt wurden.

Gestaltung der Sendung: Dagmar Travner

Im Hintergrund zu hören: Pneumatic Universe, eine Klanginstallation von Tomas Hoke

Sendungsausstrahlung am 7.10. um 18:30 auf Radio Agora 105.5 im Rahmen der Sendereihe Arte Alpe Adria Kulturmomente

Podcast zum Nachhören: https://cba.fro.at/467604

Die Poesie in den Körper fließen lassen – Romina Achatz Arte Alpe Adria | Kultur Momente

Die Poesie in den Körper fließen lassen – Gespräch mit der Künstlerin Romina Achatz „Sei es mit dem Medium der Fotografie, oder Film oder auch Radio: Mir geht es immer um eine Beschäftigung mit dem Gegenüber. Ich möchte eigene  Welten erschaffen, ich möchte die Welten und die Stimmen, die ich toll finde, größer machen und ihnen mehr Raum geben.“ Romina Achatz, aufgewachsen in Velden, nun in Wien lebend, ist Poetin, Tänzerin, Filmemacherin,  Fotografin, Schriftstellerin und Philosophin. Eine Persönlichkeit, deren Denken und Schaffen sich in mannigfaltigen künstlerischen Feldern manifestiert. Die Künstlerin spricht über ihre Werke, die neuen Projekte und ihren Zugang zur Welt. Gestaltung der Sendung: Dagmar Travner
  1. Die Poesie in den Körper fließen lassen – Romina Achatz
  2. Beginn des zweiten Lockdowns – Gespräch mit Ina Loitzl
  3. PULL:FAKTOR – Festzug der Tiere durch Kärnten/Koroška
  4. Tomas Hoke: Grenzenlos – Brezmejno
  5. Flügel der Freiheit – Künstler*innengespräche

Tomas Hoke: Kosmos 4D

Der Kärntner Künstler ent-führt gedanklich durch eine
kreative K-osmose von Kunst und Klang.

 

tomas hoke

Tomas Hoke im MMKK

Osmotische Ausbreitung eines künstlerischen Kosmos in der 4. Dimension der Kreativität. Verschlungene neuronale Knoten und die farbig leuchtende Aura von Schaffenskraft – gleich einer Aurora. Eine Symphonie von terrestrischen und kosmischen field recordings, die die Zuhörenden in den Bann eines sich neu erschaffenden Universums zieht.

Wieviel Osmose steckt in Kosmos? Wie wirkt sich Kreativität auf Neuronen aus?

Diesen und anderen Fragen von Kosmos und Kreativität geht der Kärntner Künstler Tomas Hoke in der Ausstellung Kosmos 4D im Museum Moderner Kunst Kärnten (MMKK in Klagenfurt) in einer retrospektiven Werkschau nach, der eine umfangreiche Publikation Kosmose in Buchform zugrunde liegt.

In diesem Radio-Feature spricht Tomas Hoke über sein Gesamtwerk und gewährt in die Tiefe gehende Einblicke in Konzeption und Gedankenwelt seines künstlerischen Schaffens. Dazu sind eigene Klang-Kompostionen wie das Pneumatic Universe des Künstlers zu hören, die im Raum als mächtige Sound-Installationen wirken.

 

Gestaltung der Sendung: Dagmar Travner
Schnitt: Dragan Janjuz
Länge: 55 min

Gesendet im Rahmen der Sendereihe Kam gre pot/Wohin führt der Weg des Club Tre Popoli auf Radio Agora 105,5.

Sendetermin: Samstag, den 15. Juni 2019 von 19–20 Uhr

Der Link zum Nachhören: https://cba.fro.at/409683

Empty Dreams

sleepily thinking of you
reaching out my hand towards
the empty place by my side
knowing your thoughts
are not longer with me

Romance in Experience – Eröffnungsrede zur Ausstellung

Kunstverein Baden bei Wien

Es ist was es ist

Es ist Unsinn, sagt die Vernunft
Es ist was es ist, sagt die Liebe

Es ist Unglück, sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst
Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht
Es ist was es ist, sagt die Liebe

Es ist lächerlich, sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung
Es ist was es ist, sagt die Liebe
(Erich Fried)

Romance in Experience

Liebe + Erkenntnis, so lautet das Jahresthema 2011 des Kunstvereins Baden. Was bedeutet nun Liebe in Bezug auf Erkenntnis? Gibt uns die Liebe eine neue Sichtweise auf die Dinge, gewinnen wir neue Erkenntnisse bezüglich uns selbst oder das Leben schlechthin? Und welche Art der Liebe ist es, die uns einen Mehrwert an Erkenntnis verschaffen könnte?

Romance in Experience, das heißt Romantik auf dem Prüfstand der Liebeserfahrung, das bedeutet Einblicke in das Experiment Liebe, das Erfahren von Liebe und den Erkenntnisgewinn durch Liebe. Führt die Kunst zu Lieben beispielsweise auch zu einer Liebe zum Leben? Kann uns das Erleben von Liebe die Energie zum Durchstehen des Alltags geben, oder frisst sie uns vielmehr auf? Lenkt uns ab, nimmt uns alle Energie. Genau das kann nur die Erfahrung selbst zeigen.

Liebe wird meist anfangs durch eine Romanze erfahren, so genannte romantische Situationen werden herbeigeführt, die Wahrnehmung ist eine romantisch idealistische. Es ist die eine große Liebe, nicht austauschbar, sondern einzigartig. Nach ersten romantischen Begegnungen erproben wir, ob die Beziehung Zukunft hat oder nicht.  Romanik auf dem Prüfstand, Liebe im Anfangsstadium als Experiment, ein gewagtes Experiment vielleicht. Dominiert von Erwartungshaltungen, und schönem Schein. Nicht umsonst sagt man: Liebe macht blind. Und doch ist Liebe ein viel umfassenderes Phänomen als nur die Liebe zwischen Mann und Frau. Die Mutterliebe und die Nächstenliebe sind möglicherweise viel grundlegendere Formen der Liebe als die Erotik. Und nicht zu vergessen sind da noch die speziellen Formen der Liebe: die Selbstliebe, ohne die vielleicht eine Liebe zum anderen gar nicht möglich wäre, und die Liebe zu Gott und/oder der Welt, das heißt eine allumfassende, entpersonalisierte Form der Liebe, Liebe pur sozusagen. all dies sind Erfahrungen der Liebe und letztendlich führen sie irgendwann zu einem Erkenntnisgewinn – sei es in Bezug auf den geliebten Menschen, oder das eigene Selbst oder einer neuen Sicht auf die Welt.

Durch die Liebe lernen wir mehr über uns selbst als über den anderen. Die Liebe lässt uns zwar auf den anderen zugehen, und vielleicht,  wenn wir etwas Glück haben, begegnen wir tatsächlich einer Seele, die mit uns verwandt ist, die uns versteht, mit der wir harmonieren – doch diese Erfahrung muss jeder für sich und immer wieder machen. Denn Liebe ist etwas, das man tut, und nicht etwas, das man fühlt, das heißt Liebe gibt man, verschenkt man ganz aktiv – auch wenn es uns selbst, ganz subjektiv so erscheint, als wären wir dabei passiv, ausgeliefert, als würden wir etwas erfühlen, was von außen kommt, oder über uns hereinbricht, wie eine Naturgewalt.. Doch das, was wir fühlen ist in uns selbst, wir werfen unsere Liebe nach außen, und das was zurückkommt, wir wir sehen, ist vorerst nur unsere eigene Projektion. Genauso können wir einen Teddybären lieben und das Gefühl haben, er liebt uns zurück, Kinder lieben so, und werden geliebt von ihren so genannten Übergangsobjekten, scheinbar wiedergeliebt. Zumindest in der Phase der Romantik geht es uns ganz ähnlich, erst später, im Lauf der Liebesbeziehung sieht dies anders aus. Da wird der Teddybär unter Umständen schnell zur stummen Mumie und das Püppchen zum uninteressanten Objekt, das nach Gebrauch verworfen wird.

Nichts wurde und wird so viel beschrieben und künstlerisch verarbeitet wie die Liebe, nämlich die erotische Liebe, die Mutterliebe und die Gottesliebe zusammen genommen.

Im Sprechen, in der Reflexion über die Liebe ändert sich unser Verhalten, wir beginnen mit dem Verstand zu begreifen, und durch das Benennen wird das reine Gefühl in Wortschablonen verpackt. Eine Wechselwirkung von Gefühl und vorgefertigten Schablonen, Sprache genannt. Doch auch der rein visuelle Ausdruck, wie in der Kunst, führt zu einer Fixierung der Vorstellung im Kopf, das Unerfassbare, das Unaussprechliche, das Mystische des Gefühls wird in eine begreifbare, symbolhafte Form gegossen und dort fixiert. Und so verstanden – begriffen mit dem Verstand. Eine erste Stufe der intellektuellen Erkenntnis ist erreicht. Doch beeinflusst die zeichenhafte Beschäftigung mit Liebe nicht das Erleben, die Erwartungen und Erfahrungen der Liebe selbst? Kein anderes literarisches Konstrukt hat die Welt so nachhaltig verändert, wie das Erfindung der romantischen einzigartigen Liebe, und damit gerade in der Neuzeit unerfüllbare Vorstellungen und Erwartungen, ein ständiges Streben zum Erreichen eines Idealzustands ausgelöst – eines Ideals das noch aus dem Mittelalter, nämlich dem Minnesang stammt, und in der literarischen Romantik wieder auflebte. Von Dichtern viel besungene Zweisamkeit ist, das Erkennen der großen einzigen Liebe, das Auffinden der zweiten Hälfte, die einst verloren ging – ohne die man nie Ganzheit erreicht und von ständiger Sehnsucht danach, selbst unbekannterweise, erfüllt ist. Nicht umsonst trägt in der Literatur die fiktive Form schlechthin den Namen Roman. Dass das Leben eben kein Roman ist, wird erst im Laufe einer Romance in Experience begriffen.

Kann die romantische Liebe den Erfahrungen des Lebensalltags standhalten? Eine Erfahrung die gemacht werden muss, ein Experiment, wie viele Paare wissen. Dieses Experiment kann scheitern, nach kürzerer oder längerer Zeit, oder zu einer veränderten, tiefen, ja reiferen Liebesbeziehung führen, in jedem Fall zu einem veränderten Bewusstsein in Hinblick auf sich selbst und die Außenwelt, also einer neuen Erkenntnis, nämlich der Erkenntnis schlechthin. Dass die Liebe, die allumfassende strahlende Liebe in uns selbst sitzt, dass wir selbst ihre Energiequelle sind, aus der sie strömt, und wir den anderen damit lediglich beschenken, dass die Liebe unsere Gabe ist, eine Gabe ohne Erwartungshaltung, das heißt, wir nicht vom anderen erwarten können, unsere Lücke zu schließen, weil wir uns romantischerweise ohne diesen einen Menschen unvollkommen fühlen, genau das zu begreifen, ist die Erkenntnis, die nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen erlangt wird, beim Experiment Liebe.

Eröffnungsrede zur Ausstellung ‘Romance in Experience’ im Kunstverein Baden, 8. Juli 2011

Romance in Experience - opening

Filmaufführung: “gelocht” von Dagmar Travner

Die IG Autorinnen und Autoren Kärnten lädt zur

FILMVORFÜHRUNG IM MUSILHAUS KLAGENFURT
Bahnhofstraße 50/III, Veranstaltungssaal 1. Stock

Am Montag, dem 16. November um 19:30 Uhr

‘gelocht’

in Anwesenheit der Filmemacherin Dagmar Travner

mit anschließender Podiumsdiskussion

Moderation: Angelika Hödl

gelocht

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DVD, Farbe, 27min, 2005

Mitwirkende:

Heike, eine Häkelkünstlerin: Sabine Müller-Funk
Clara, ihre Tochter: Maria Lebzelter
Lotte, eine Lochkünstlerin: Ingrid Markowitsch
Marzipan, ein Galerist: Jörg Markowitsch

Objekte: Barbara Bernsteiner
Barbara Höller

Musik: Cordula Bösze

Kamera: Peter Gold
Kai Gold

Schnitt: Peter Gold
Dagmar Travner

Buch und Regie: Dagmar Travner

Produktion: cinematography, 2005

Heike, eine Häkelkünstlerin, ist mit ihrer 13jährigen Tochter Clara und mit Lotte, einer Lochkünstlerin, in ein abgelegenes Landhaus gezogen. Seit drei Jahren leben sie in extremer Einsamkeit, die zunächst ihre Kreativität erstickt, dann aber in einem Akt der Befreiung zum Ausbruch gelangt.

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Dagmar Travner: 1959 in Klagenfurt geboren und aufgewachsen, bilingual Italienisch-Deutsch erzogen, lebt seit 1981 in Wien. Als Autorin und Kulturpublizistin tätig; schreibt für den „morgen“ (NÖ Kulturzeitschrift) und die „Frankfurter Hefte“.

www.travner.at

Angelika Hödl

Musilhaus Klagenfurt

IG Autorinnen Autoren Kärnten

Helix und Kairos

Höller and Travner

Höller and Travner

 

Höllersche Zeitspiralen zum richtigen Zeitpunkt


Höllers Spiralen sind kreiselnde Sonnen, der Kreisel als Stabilisator des Raum-Zeit-Gefüges. 

Die Künstlerin arbeitet organisch, die Konzeption ist ganz Denken und die Spiraldreherin ist ganz Materie: ein gelungenes Zusammenspiel von Herz und Hirn.

Höller ist Mathematikerin. Ihre Werke sind genau durchdacht, Mengen, Linien und Abstände werden berechnet, bevor die Arbeit an der Materie beginnt. Sie ist aber auch Handwerkerin und die physische Umsetzung ihrer mathematischen Inspirationen – eine Umsetzung mit gewollten Unregelmäßigkeiten, mit ständigem Experimentieren am Material, seriellen Versuchsanordnungen von Farbmanifestationen – machen genau die Eigenheit ihrer Arbeiten aus.

Barbara Höller nimmt die pure Farbe – in Variationen – auf, formt daraus Farbschnüre und rollt diese zu Spiralen.

Hier sehen Sie auf Glas aufgebrachte Farblinien aus Acrylfarbe – wenn Acryl pur aufgetragen wird, entsteht aus der dickflüssigen Farbe im Lauf des Trocknungsprozesses ein mittelfestes, elastisches, leicht verformbares Material – wenn sie im richtigen Moment, den Kairos des Trocknungsprozesses der Farbschnüre ergreift und daraus Spiralen rollt, nämlich genau zu dem Zeitpunkt, wenn die Schnüre nicht mehr zu weich sind, um sie in die Hand zu nehmen, und doch noch nicht so hart, um zu unnachgiebig oder brüchig zu sein. Zu Spiralen gewunden trocknet die Farbe dann weiter, die einzelnen gebogenen Linien haften aneinander und werden durch den Härtungsprozess zu einer festen Scheibe, die dann nicht mehr verformbar ist.

Die Farben changieren zwischen verschiedenen Grau-Tönen und bei diesen neueren Arbeiten von hellem bis zu intensivem Blau. Die feinen Übergänge erzeugt Höller dadurch, dass sie in einem kleinen Farbtopf die gewünschte Ausgangsfarbe anrührt, dann nach dem Auftrag der ersten Farblinie auf Glas, in einer anderen Farbe genau die entnommene Menge dem Topf hinzufügt und vermischt. Die Nuance ist kaum merkbar, zwischen den einzelnen hier am Glas liegenden Schnüren ist der Unterschied unmerklich, aber sehr wohl nimmt man die Veränderung zwischen der ersten und letzten Schnur und umso mehr im Lauf der ganzen Spirale wahr. Denn die Mitte, also der Spiralbeginn, ist farblich völlig verschieden von den äußersten Umrundungen.

Und dieses Farb-Ende wiederum nimmt Höller anschließend auf, um damit die nächste Spirale zu beginnen, jedes Ende ist somit auch ein neuer Anfang; wie im Leben muss man dies nur sehen –  das Auge dafür haben – und den richtigen Augenblick erkennen, nämlich den Kairos am Schopf packen.

Die Zeit in Spiralen: Die lineare Zeit wird von Höller aufgerollt zu einer Zyklischen Zeit.

Heute, in unserer westlichen Kultur, denken wir vor allem Linearität, wir befinden wir uns in einer linearen Zeit, unser leben nimmt einen genau definierten Anfang und irgendwann einmal, früher oder später, ein ganz klares Ende; und dazwischen liegt ein linearer Verlauf des Lebens, ein curriculum vitae, wir werden von frühester Kindheit daraufhin sozialisiert, diesen Lebenslauf mit bedeutenden Ereignissen zu füllen, die punktgenau auf einer Zeitlinie  vermerkt werden. Ein Leben in diskreten, willkürlich gesetzten Punkten auf einer Geraden, die selbst keine Dimension, d.h. keinerlei Ausdehnung besitzt.

Zwischen den Ereignissen warten wir, dass die Zeit vergeht. Die Zeit totschlagen: bis zur Prüfung, bis zum Auftritt beim Schulmusizieren, dem Schulabschluss, dem Vorstellungsgespräch, der Präsentation, der Beförderung….

Und dazwischen? Liegen Feste und Feiern, Geburtstage, Hochzeitstage und Firmenjubiläen beispielsweise, ein archaisches Relikt aus einer Zeit, als wir Menschen noch zyklisch empfanden…

Ja, der Geburtstag – traditionell begangen als ein Fest jährlicher Wiederkehr – markiert eigentlich genau und einmalig den Beginn eines Lebens, amtskundig auf die Minute festgeschrieben. Dieser einmalige, unwiederholbare Augenblick, ein Anfangspunkt, per definitionem einen dimensionslosen Moment markierend, wird in jährlicher Wiederholung ausgelassen gefeiert. „Many happy returns!“, wünscht man im Englischen; wir gleichen uns also dem Lauf unseres Planeten um die Sonne an, und wir sind rudimentär immer noch jahreszeitenbestimmt, was jeder heutigen Vernunft widerspricht – oder, vielleicht doch nicht?

Was ist zyklische Zeit? Zyklus, das ist der Wechsel von Tag und Nacht, Zyklus, das ist die regelmäßige Wiederkehr eines Ereignisses… und zwar vorhersagbar. Die Sonne, die jeden Morgen aufgeht, der Frühling, der jährlich wiederkehrt, die Vegetation die regelmäßig kommt und geht. Ereignisse verlieren dadurch ihre Einmaligkeit, sie kehren immer wieder, immer wieder kann ein neuer Anfang gemacht werden, nichts ist verloren, nichts vergeht… denn es kommt  verlässlich wieder… Zyklus ist der Herzschlag der Natur, Zyklus ist Leben und Naturvertrauen… Menschsein ist Zyklus, in Generationen gesehen sind es Kinder, Erwachsene, Großeltern, Urgroßeltern… Stadien, die sich wiederholen, wiederkehren, vom Standpunkt der Natur aus.

Erst Individualität will einmalig sein, muss die lineare Zeit entrollen und in eine Dokumentation gießen, in Historizität, die abgehackt ist, die in sogenannten diskreten Schritten verläuft, das heißt mit langen Phasen der leere dazwischen, Löchern, die sich nicht füllen lassen…

Barbara Höller nimmt die linearen Zeitbänder, ja Zeitschnüre in die Hand und rollt sie symbolisch wieder ein zu unserem ureigenen Rhythmus, zu einer Zeitspirale, zu einer Wiederkehr des Gleichen, das in der Wiederholung doch immer etwas anders verläuft, wo es Risse gibt und Brüche, Unregelmäßigkeiten in der Bewegung und des Ausdrucks. Die Farben des Lebens verändern sich unmerklich, aber stetig, und führen im Lauf der Zeit zu überraschendem, äußerst signifikantem  Wandel….

Das ist Rhythmus, Schwingung, Musik… Sonate des Lebens und der Pulsschlag von Kunst…

Die Doppelhelix des Lebens, schraubenartige Bausteine des Lebens, die sich in die Unendlichkeit winden, so weit wir denken können in Raum und Zeit. Wir entfliehen der Linearität des Endes…. indem wir aus dem Ende einen Anfang machen… wenn auch in anderer Form, wenn auch nicht individuell gesehen sondern aus einer ganzheitlichen, kosmischen Sicht…

Die zyklische Zeit unterliegt dem Naturgesetz und wenn uns die Natur überwältigt, dann beginnen wir metaphysisch zu denken. Oder wir besinnen uns, dass morgen die Sonne aufgeht, dass wir morgen früh wieder erwachen – so die Natur es will – denn genau das, worauf wir uns am meisten verlassen, können wir selbst nicht beeinflussen. Wir können nur erkennen und in dieser Erkenntnis handeln, wissend um die Wiederkehr schicksalshafter Momente, wissend, dass es immer wieder neue Gelegenheiten, neue Chancen gibt, die am Schopf gepackt werden können. Vertrauen in das Schicksal. 

Die lineare Zeit hingegen ist menschgemacht, die Dominanz des Menschen rückt in den Mittelpunkt – die schicksalshafte Bestimmung weicht der individuellen Selbst-Bestimmung. In der scheinbar logisch-orientierten Linearität liegt die Arroganz der vom Menschen entworfenen Gesetze und die Hybris der Einmaligkeit. Selbsternanntes Herrschertum über die Welt, mit aller Gewalt und um jeden Preis bestimmen wollen…

Gesetzmäßigkeiten, Schicksal, Kairos, der günstige Augenblick, der freche kleine Junge, den man am Schopf packen muss, gehorchen zyklischen, außen wirkenden Gegebenheiten. Das bedeutet aber auch, dass der richtige Augenblick jedenfalls wiederkommen wird, irgendwann einmal – oder morgen früh, wenn die Sonne aufgeht. So sicher, wie die Sonne aufgeht.

Im Lauf des Lebens kommt der richtige Augenblick immer wieder, die Zeit schraubt sich als Spirale weiter und weiter, und jedes Ende ist ein neuer Anfang – genau die Farbe am Ende außen in einer Spirale nimmt Höller wieder als Mittelpunkt, um die nächste Spirale zu beginnen. Wiederholung heißt nicht Stillstand, denn jede Wiederholung ist ein bisschen anders, wie die sich langsam verändernde Farbe in Höllers Werk. In dieser scheinbaren Eintönigkeit des Laufs des Welt heißt es für uns, den richtigen Augenblick zu ergreifen, den Zeitpunkt zu erkennen, wo etwa verschiedene Weltspiralen sich berühren und pure Kreativität zu neuen Lebens-Farben führt…

 

Text von Dagmar Travner zur Performance von Barbara Höller

anläßlich einer Firmenfeier am 6. 11. bei navreme / factlines, Praterstr. 15, 1020 Wien


Anm1: Der Firmenname „navreme“ bedeutet so viel wie das griechische „kairos“ (der richtige Zeitpunkt), was auch einen Teil der Firmenphilosophie darstellt.

Anm2: Barbara Höller benennt diese Acryspiralen mit dem griechischen „helix“, was soviel bedeutet wie „Schraube“.