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Höller and Travner

Höller and Travner

 

Höllersche Zeitspiralen zum richtigen Zeitpunkt


Höllers Spiralen sind kreiselnde Sonnen, der Kreisel als Stabilisator des Raum-Zeit-Gefüges. 

Die Künstlerin arbeitet organisch, die Konzeption ist ganz Denken und die Spiraldreherin ist ganz Materie: ein gelungenes Zusammenspiel von Herz und Hirn.

Höller ist Mathematikerin. Ihre Werke sind genau durchdacht, Mengen, Linien und Abstände werden berechnet, bevor die Arbeit an der Materie beginnt. Sie ist aber auch Handwerkerin und die physische Umsetzung ihrer mathematischen Inspirationen – eine Umsetzung mit gewollten Unregelmäßigkeiten, mit ständigem Experimentieren am Material, seriellen Versuchsanordnungen von Farbmanifestationen – machen genau die Eigenheit ihrer Arbeiten aus.

Barbara Höller nimmt die pure Farbe – in Variationen – auf, formt daraus Farbschnüre und rollt diese zu Spiralen.

Hier sehen Sie auf Glas aufgebrachte Farblinien aus Acrylfarbe – wenn Acryl pur aufgetragen wird, entsteht aus der dickflüssigen Farbe im Lauf des Trocknungsprozesses ein mittelfestes, elastisches, leicht verformbares Material – wenn sie im richtigen Moment, den Kairos des Trocknungsprozesses der Farbschnüre ergreift und daraus Spiralen rollt, nämlich genau zu dem Zeitpunkt, wenn die Schnüre nicht mehr zu weich sind, um sie in die Hand zu nehmen, und doch noch nicht so hart, um zu unnachgiebig oder brüchig zu sein. Zu Spiralen gewunden trocknet die Farbe dann weiter, die einzelnen gebogenen Linien haften aneinander und werden durch den Härtungsprozess zu einer festen Scheibe, die dann nicht mehr verformbar ist.

Die Farben changieren zwischen verschiedenen Grau-Tönen und bei diesen neueren Arbeiten von hellem bis zu intensivem Blau. Die feinen Übergänge erzeugt Höller dadurch, dass sie in einem kleinen Farbtopf die gewünschte Ausgangsfarbe anrührt, dann nach dem Auftrag der ersten Farblinie auf Glas, in einer anderen Farbe genau die entnommene Menge dem Topf hinzufügt und vermischt. Die Nuance ist kaum merkbar, zwischen den einzelnen hier am Glas liegenden Schnüren ist der Unterschied unmerklich, aber sehr wohl nimmt man die Veränderung zwischen der ersten und letzten Schnur und umso mehr im Lauf der ganzen Spirale wahr. Denn die Mitte, also der Spiralbeginn, ist farblich völlig verschieden von den äußersten Umrundungen.

Und dieses Farb-Ende wiederum nimmt Höller anschließend auf, um damit die nächste Spirale zu beginnen, jedes Ende ist somit auch ein neuer Anfang; wie im Leben muss man dies nur sehen –  das Auge dafür haben – und den richtigen Augenblick erkennen, nämlich den Kairos am Schopf packen.

Die Zeit in Spiralen: Die lineare Zeit wird von Höller aufgerollt zu einer Zyklischen Zeit.

Heute, in unserer westlichen Kultur, denken wir vor allem Linearität, wir befinden wir uns in einer linearen Zeit, unser leben nimmt einen genau definierten Anfang und irgendwann einmal, früher oder später, ein ganz klares Ende; und dazwischen liegt ein linearer Verlauf des Lebens, ein curriculum vitae, wir werden von frühester Kindheit daraufhin sozialisiert, diesen Lebenslauf mit bedeutenden Ereignissen zu füllen, die punktgenau auf einer Zeitlinie  vermerkt werden. Ein Leben in diskreten, willkürlich gesetzten Punkten auf einer Geraden, die selbst keine Dimension, d.h. keinerlei Ausdehnung besitzt.

Zwischen den Ereignissen warten wir, dass die Zeit vergeht. Die Zeit totschlagen: bis zur Prüfung, bis zum Auftritt beim Schulmusizieren, dem Schulabschluss, dem Vorstellungsgespräch, der Präsentation, der Beförderung….

Und dazwischen? Liegen Feste und Feiern, Geburtstage, Hochzeitstage und Firmenjubiläen beispielsweise, ein archaisches Relikt aus einer Zeit, als wir Menschen noch zyklisch empfanden…

Ja, der Geburtstag – traditionell begangen als ein Fest jährlicher Wiederkehr – markiert eigentlich genau und einmalig den Beginn eines Lebens, amtskundig auf die Minute festgeschrieben. Dieser einmalige, unwiederholbare Augenblick, ein Anfangspunkt, per definitionem einen dimensionslosen Moment markierend, wird in jährlicher Wiederholung ausgelassen gefeiert. „Many happy returns!“, wünscht man im Englischen; wir gleichen uns also dem Lauf unseres Planeten um die Sonne an, und wir sind rudimentär immer noch jahreszeitenbestimmt, was jeder heutigen Vernunft widerspricht – oder, vielleicht doch nicht?

Was ist zyklische Zeit? Zyklus, das ist der Wechsel von Tag und Nacht, Zyklus, das ist die regelmäßige Wiederkehr eines Ereignisses… und zwar vorhersagbar. Die Sonne, die jeden Morgen aufgeht, der Frühling, der jährlich wiederkehrt, die Vegetation die regelmäßig kommt und geht. Ereignisse verlieren dadurch ihre Einmaligkeit, sie kehren immer wieder, immer wieder kann ein neuer Anfang gemacht werden, nichts ist verloren, nichts vergeht… denn es kommt  verlässlich wieder… Zyklus ist der Herzschlag der Natur, Zyklus ist Leben und Naturvertrauen… Menschsein ist Zyklus, in Generationen gesehen sind es Kinder, Erwachsene, Großeltern, Urgroßeltern… Stadien, die sich wiederholen, wiederkehren, vom Standpunkt der Natur aus.

Erst Individualität will einmalig sein, muss die lineare Zeit entrollen und in eine Dokumentation gießen, in Historizität, die abgehackt ist, die in sogenannten diskreten Schritten verläuft, das heißt mit langen Phasen der leere dazwischen, Löchern, die sich nicht füllen lassen…

Barbara Höller nimmt die linearen Zeitbänder, ja Zeitschnüre in die Hand und rollt sie symbolisch wieder ein zu unserem ureigenen Rhythmus, zu einer Zeitspirale, zu einer Wiederkehr des Gleichen, das in der Wiederholung doch immer etwas anders verläuft, wo es Risse gibt und Brüche, Unregelmäßigkeiten in der Bewegung und des Ausdrucks. Die Farben des Lebens verändern sich unmerklich, aber stetig, und führen im Lauf der Zeit zu überraschendem, äußerst signifikantem  Wandel….

Das ist Rhythmus, Schwingung, Musik… Sonate des Lebens und der Pulsschlag von Kunst…

Die Doppelhelix des Lebens, schraubenartige Bausteine des Lebens, die sich in die Unendlichkeit winden, so weit wir denken können in Raum und Zeit. Wir entfliehen der Linearität des Endes…. indem wir aus dem Ende einen Anfang machen… wenn auch in anderer Form, wenn auch nicht individuell gesehen sondern aus einer ganzheitlichen, kosmischen Sicht…

Die zyklische Zeit unterliegt dem Naturgesetz und wenn uns die Natur überwältigt, dann beginnen wir metaphysisch zu denken. Oder wir besinnen uns, dass morgen die Sonne aufgeht, dass wir morgen früh wieder erwachen – so die Natur es will – denn genau das, worauf wir uns am meisten verlassen, können wir selbst nicht beeinflussen. Wir können nur erkennen und in dieser Erkenntnis handeln, wissend um die Wiederkehr schicksalshafter Momente, wissend, dass es immer wieder neue Gelegenheiten, neue Chancen gibt, die am Schopf gepackt werden können. Vertrauen in das Schicksal. 

Die lineare Zeit hingegen ist menschgemacht, die Dominanz des Menschen rückt in den Mittelpunkt – die schicksalshafte Bestimmung weicht der individuellen Selbst-Bestimmung. In der scheinbar logisch-orientierten Linearität liegt die Arroganz der vom Menschen entworfenen Gesetze und die Hybris der Einmaligkeit. Selbsternanntes Herrschertum über die Welt, mit aller Gewalt und um jeden Preis bestimmen wollen…

Gesetzmäßigkeiten, Schicksal, Kairos, der günstige Augenblick, der freche kleine Junge, den man am Schopf packen muss, gehorchen zyklischen, außen wirkenden Gegebenheiten. Das bedeutet aber auch, dass der richtige Augenblick jedenfalls wiederkommen wird, irgendwann einmal – oder morgen früh, wenn die Sonne aufgeht. So sicher, wie die Sonne aufgeht.

Im Lauf des Lebens kommt der richtige Augenblick immer wieder, die Zeit schraubt sich als Spirale weiter und weiter, und jedes Ende ist ein neuer Anfang – genau die Farbe am Ende außen in einer Spirale nimmt Höller wieder als Mittelpunkt, um die nächste Spirale zu beginnen. Wiederholung heißt nicht Stillstand, denn jede Wiederholung ist ein bisschen anders, wie die sich langsam verändernde Farbe in Höllers Werk. In dieser scheinbaren Eintönigkeit des Laufs des Welt heißt es für uns, den richtigen Augenblick zu ergreifen, den Zeitpunkt zu erkennen, wo etwa verschiedene Weltspiralen sich berühren und pure Kreativität zu neuen Lebens-Farben führt…

 

Text von Dagmar Travner zur Performance von Barbara Höller

anläßlich einer Firmenfeier am 6. 11. bei navreme / factlines, Praterstr. 15, 1020 Wien


Anm1: Der Firmenname „navreme“ bedeutet so viel wie das griechische „kairos“ (der richtige Zeitpunkt), was auch einen Teil der Firmenphilosophie darstellt.

Anm2: Barbara Höller benennt diese Acryspiralen mit dem griechischen „helix“, was soviel bedeutet wie „Schraube“.