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Kunstverein Baden bei Wien

Es ist was es ist

Es ist Unsinn, sagt die Vernunft
Es ist was es ist, sagt die Liebe

Es ist Unglück, sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst
Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht
Es ist was es ist, sagt die Liebe

Es ist lächerlich, sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung
Es ist was es ist, sagt die Liebe
(Erich Fried)

Romance in Experience

Liebe + Erkenntnis, so lautet das Jahresthema 2011 des Kunstvereins Baden. Was bedeutet nun Liebe in Bezug auf Erkenntnis? Gibt uns die Liebe eine neue Sichtweise auf die Dinge, gewinnen wir neue Erkenntnisse bezüglich uns selbst oder das Leben schlechthin? Und welche Art der Liebe ist es, die uns einen Mehrwert an Erkenntnis verschaffen könnte?

Romance in Experience, das heißt Romantik auf dem Prüfstand der Liebeserfahrung, das bedeutet Einblicke in das Experiment Liebe, das Erfahren von Liebe und den Erkenntnisgewinn durch Liebe. Führt die Kunst zu Lieben beispielsweise auch zu einer Liebe zum Leben? Kann uns das Erleben von Liebe die Energie zum Durchstehen des Alltags geben, oder frisst sie uns vielmehr auf? Lenkt uns ab, nimmt uns alle Energie. Genau das kann nur die Erfahrung selbst zeigen.

Liebe wird meist anfangs durch eine Romanze erfahren, so genannte romantische Situationen werden herbeigeführt, die Wahrnehmung ist eine romantisch idealistische. Es ist die eine große Liebe, nicht austauschbar, sondern einzigartig. Nach ersten romantischen Begegnungen erproben wir, ob die Beziehung Zukunft hat oder nicht.  Romanik auf dem Prüfstand, Liebe im Anfangsstadium als Experiment, ein gewagtes Experiment vielleicht. Dominiert von Erwartungshaltungen, und schönem Schein. Nicht umsonst sagt man: Liebe macht blind. Und doch ist Liebe ein viel umfassenderes Phänomen als nur die Liebe zwischen Mann und Frau. Die Mutterliebe und die Nächstenliebe sind möglicherweise viel grundlegendere Formen der Liebe als die Erotik. Und nicht zu vergessen sind da noch die speziellen Formen der Liebe: die Selbstliebe, ohne die vielleicht eine Liebe zum anderen gar nicht möglich wäre, und die Liebe zu Gott und/oder der Welt, das heißt eine allumfassende, entpersonalisierte Form der Liebe, Liebe pur sozusagen. all dies sind Erfahrungen der Liebe und letztendlich führen sie irgendwann zu einem Erkenntnisgewinn – sei es in Bezug auf den geliebten Menschen, oder das eigene Selbst oder einer neuen Sicht auf die Welt.

Durch die Liebe lernen wir mehr über uns selbst als über den anderen. Die Liebe lässt uns zwar auf den anderen zugehen, und vielleicht,  wenn wir etwas Glück haben, begegnen wir tatsächlich einer Seele, die mit uns verwandt ist, die uns versteht, mit der wir harmonieren – doch diese Erfahrung muss jeder für sich und immer wieder machen. Denn Liebe ist etwas, das man tut, und nicht etwas, das man fühlt, das heißt Liebe gibt man, verschenkt man ganz aktiv – auch wenn es uns selbst, ganz subjektiv so erscheint, als wären wir dabei passiv, ausgeliefert, als würden wir etwas erfühlen, was von außen kommt, oder über uns hereinbricht, wie eine Naturgewalt.. Doch das, was wir fühlen ist in uns selbst, wir werfen unsere Liebe nach außen, und das was zurückkommt, wir wir sehen, ist vorerst nur unsere eigene Projektion. Genauso können wir einen Teddybären lieben und das Gefühl haben, er liebt uns zurück, Kinder lieben so, und werden geliebt von ihren so genannten Übergangsobjekten, scheinbar wiedergeliebt. Zumindest in der Phase der Romantik geht es uns ganz ähnlich, erst später, im Lauf der Liebesbeziehung sieht dies anders aus. Da wird der Teddybär unter Umständen schnell zur stummen Mumie und das Püppchen zum uninteressanten Objekt, das nach Gebrauch verworfen wird.

Nichts wurde und wird so viel beschrieben und künstlerisch verarbeitet wie die Liebe, nämlich die erotische Liebe, die Mutterliebe und die Gottesliebe zusammen genommen.

Im Sprechen, in der Reflexion über die Liebe ändert sich unser Verhalten, wir beginnen mit dem Verstand zu begreifen, und durch das Benennen wird das reine Gefühl in Wortschablonen verpackt. Eine Wechselwirkung von Gefühl und vorgefertigten Schablonen, Sprache genannt. Doch auch der rein visuelle Ausdruck, wie in der Kunst, führt zu einer Fixierung der Vorstellung im Kopf, das Unerfassbare, das Unaussprechliche, das Mystische des Gefühls wird in eine begreifbare, symbolhafte Form gegossen und dort fixiert. Und so verstanden – begriffen mit dem Verstand. Eine erste Stufe der intellektuellen Erkenntnis ist erreicht. Doch beeinflusst die zeichenhafte Beschäftigung mit Liebe nicht das Erleben, die Erwartungen und Erfahrungen der Liebe selbst? Kein anderes literarisches Konstrukt hat die Welt so nachhaltig verändert, wie das Erfindung der romantischen einzigartigen Liebe, und damit gerade in der Neuzeit unerfüllbare Vorstellungen und Erwartungen, ein ständiges Streben zum Erreichen eines Idealzustands ausgelöst – eines Ideals das noch aus dem Mittelalter, nämlich dem Minnesang stammt, und in der literarischen Romantik wieder auflebte. Von Dichtern viel besungene Zweisamkeit ist, das Erkennen der großen einzigen Liebe, das Auffinden der zweiten Hälfte, die einst verloren ging – ohne die man nie Ganzheit erreicht und von ständiger Sehnsucht danach, selbst unbekannterweise, erfüllt ist. Nicht umsonst trägt in der Literatur die fiktive Form schlechthin den Namen Roman. Dass das Leben eben kein Roman ist, wird erst im Laufe einer Romance in Experience begriffen.

Kann die romantische Liebe den Erfahrungen des Lebensalltags standhalten? Eine Erfahrung die gemacht werden muss, ein Experiment, wie viele Paare wissen. Dieses Experiment kann scheitern, nach kürzerer oder längerer Zeit, oder zu einer veränderten, tiefen, ja reiferen Liebesbeziehung führen, in jedem Fall zu einem veränderten Bewusstsein in Hinblick auf sich selbst und die Außenwelt, also einer neuen Erkenntnis, nämlich der Erkenntnis schlechthin. Dass die Liebe, die allumfassende strahlende Liebe in uns selbst sitzt, dass wir selbst ihre Energiequelle sind, aus der sie strömt, und wir den anderen damit lediglich beschenken, dass die Liebe unsere Gabe ist, eine Gabe ohne Erwartungshaltung, das heißt, wir nicht vom anderen erwarten können, unsere Lücke zu schließen, weil wir uns romantischerweise ohne diesen einen Menschen unvollkommen fühlen, genau das zu begreifen, ist die Erkenntnis, die nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen erlangt wird, beim Experiment Liebe.

Eröffnungsrede zur Ausstellung ‘Romance in Experience’ im Kunstverein Baden, 8. Juli 2011

Romance in Experience - opening

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